Original text: http://www.arminia.at/dermrz.htm
Österreich war aus dem zweiten
Pariser Frieden glorreicher und mächtiger hervorgegangen, als man es hätte
erwarten können. Die vorangegangenen Kriege hatten jedoch die Staatsfinanzen
zerrüttet und den Volkswohlstand zerstört. Noch immer hatte man sich von dem
Bankenkrach von 1811 nicht erholt, der Hunderttausende an den Bettelstab
gebracht hatte.
Kaiser Franz I. herrschte
absolut und betrachtete sogar eine Petition der Salzburger Stände um
Steuererleichterung angesichts des Hungertodes zahlreicher Menschen auf offener
Straße als Anmaßung, die "allerhöchste Ungnade" des Kaisers gegenüber
den Salzburger Landständen ob deren "Vermessenheit" nach sich zog.
Tatsächlich hatten die
Landstände so gut wie keine Rechte. Der Kaiser gestattete ihnen, sich einmal im
Jahre uniformiert zu einer Sitzung zu versammeln, in welcher ihnen die von Gien
festgesetzten Steuern mitgeteilt wurden, die sie dann alleruntertänigst und
einstimmig zu beschließen hatten.
Die Regierung des Kaisers
Franz hatte auch nicht im Ansatz versucht, einen österreichischen
Staatsgedanken zu erzeugen und unter den verschiedenen Nationalitäten ein
Bewußtsein von Interessengemeinschaft zu erwecken. Das Streben des Systems war
vielmehr, die Souveränitätsrechte ungeschmälert zu erhalten. Dem gegenüber
hatten die Gestaltung der Zukunft des Staates, die Wohlfahrt der Untertanen und
die Regelung der Staatsfinanzen zurückzutreten.
Die französische Revolution
wirkte im Gemüt des Kaisers so heftig nach, daß dieser nicht nur gegen alle
revolutionären Neuerungen einschritt, sondern gegen alle Reformen auftrat, weil
er vermeinte, diese könnten die revolutionären Strömungen ermutigen. Jede
Revolution in Europa wurde als Angriff auf die eigene Regierung betrachtet und
es wurden Truppen und Geld eingesetzt, um die in Neapel, Sardinien und Spanien
gestürzte Staatsordnung wieder aufzurichten.
Österreich wirkte mit Hilfe
seines Außenministers Fürst Metternich in ganz Europa den Bestrebungen
entgegen, Konstitutionen einzuführen. Die französische Revolution von 1830, die
dann den Umsturz in Belgien auslöste, brachte erstmals einen Herrscher auf den
Thron, der nicht von Gottes Gnaden, sondern von Gnaden des Volkes regierte. Für
Kaiser Franz war dies ein tiefer Schock, der ihn veranlaßte, den Polizeistaat
zu festigen und im Deutschen Bundestag Verordnungen verabschieden zu lassen,
durch welche in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten die Tätigkeit
konstitutioneller Vertretungskörper unterbrochen wurde.
Vereine,
Volksversammlungen, Volksfeste, politische Abzeichen - alles wurde verboten.
Deutsche Studenten durften nicht die eine demokratische Richtung verfolgende
Züricher Universität besuchen. In Österreich selbst waren die höheren Schulen
und Universitäten zu reinen Beamtenbildungsanstalten herabgesunken. Kaiser
Franz hatte selbst gegenüber Professoren erklärt, ihre Aufgabe sei es,
rechtschaffene Bürger heranzuziehen. Wer ihm aber mit neuen Ideen komme, der
möge gehen, oder er selbst werde ihn entfernen.
Die neuen Ideen wurden auch
mithilfe der Vorzensur ferngehalten. Der ebenso unfähige wie bigotte Graf
Sedlnitzky legte als Chef der Polizei- und Zensurhofstelle ein lähmendes
Spitzel- und Zensurnetz über das Land. Seine Spione wurden "Naderer"
genannt, sie spitzelten in den Wirtsstuben und auf der Straße. Das Credo
Sedlnitzkys war, "daß ein Volk, von dem Augenblicke an, wo es anfängt,
Freigeisterei zu betreiben, Bildung in sich aufzunehmen, sich im ersten Stadium
der Revolution befindet."
In religiösen Fragen war
Kaiser Franz I. so intolerant, daß er noch 1834 - ein Jahr vor seinem Tode -
mehrere hundert Zillertaler Protestanten zur Auswanderung nach
Preußisch-Schlesien zwang, als diese sich dem Protestantismus zuwandten und
dafür das Toleranzedikt Kaiser Josefs II. in Anspruch nehmen wollten.
In erster Linie aber war
Kaiser Franz ein Bürokrat, der sich noch um die letzten Einzelheiten der
inneren Verwaltung kümmerte und von sich selbst rühmend sagte, "daß er
wohl ein brauchbarer Hofrat sein würde."
Am 2. März 1835 starb Franz
I. . Sein Nachfolger wurde der leicht schwachsinnige Ferdinand, ob seiner
geistigen Defizite auch "der Gütige" genannt. Innenpolitisch änderte
sich nichts zum Besseren. Der Kaiser war geistig zu Reformen nicht fähig und
seine Umgebung wollte auch nur das bestehende System erhalten. Die
tatsächlichen Geschäfte führte ein Konferenzrat, bestehend aus dem Fürsten und
Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar Metternich, dem Erzherzog Ludwig, einem
ebenso kalten wie reaktionären Mann, und dem Grafen Kolowrat. Letzterer war ein
Idealist, der ohne Gehalt diente. Er war Reformen zugeneigt und ein erbitterter
Gegner des innenpolitischen Unterdrückungssystems. Er konnte sich jedoch nicht
gegen die herrschende Richtung durchsetzen.
Der von dem deutschen
Nationalökonomen List geforderte deutsche Zollverein kam nicht zustande, weil
der Wiener Hof befürchtete, die volkswirtschaftliche Einigung mit dem übrigen
Deutschland würde einen Systemwechsel in Österreich herbeiführen. Lieber nahm
man wirtschaftliche Nachteile in Kauf.
1844 kam List nach Wien und
hielt auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett im Wiener Gewerbeverein eine
Rede, in der er die deutsch-nationale Seite des Zollvereinprojektes in den
Vordergrund stellte. Einen Beifallssturm riefen seine abschließenden Worte
hervor: "Deutschland - in Wissenschaft und Kunst, in Literatur und
Gesittung ein Stern erster Größe unter den Nationen der Erde - Deutschland,
bestimmt durch seine natürlichen Hilfsquellen, durch die Tüchtigkeit seiner
Völker und durch eine weise Handelspolitik das reichste Land des europäischen
Kontinents zu werden - Deutschland, durch Einheit und innere Entwicklung
berufen zu der hohen Stellung eines der ersten Garanten des europäischen
Friedens - Deutschland, unser großes und herrliches, unser gemeinsames und
geliebtes Vaterland, die deutsche Einheit lebe hoch!"
In Deutschland, Italien und
Ungarn gärte es schon. In Wien nahm der geniale Volksdichter Johann Nestroy die
Verhältnisse spöttisch aufs Korn. Zu einem Zentrum des geistigen Widerstandes
wurde der Wiener "Juridisch-politische Leseverein", der von liberalen
Bürgern und Professoren 1842 gegründet worden war und von dem der Polizeichef
Sedlnitzky sagte, er sei "der Herd der Revolution" und daß seine
Mitglieder sich noch "zu Verbrechern lesen" werden. Der Verein wurde
zu einem Sammelpunkt gebildeter Kreise, der Diplomaten, der Korrespondenten
ausländischer Zeitungen, Mitglieder des Militärs, der Beamtenschaft und der
Universität. Durch die Vorgänge im Leseverein ermutigt, begannen immer mehr
Professoren und Dozenten an der Universität, Widerstand gegen das System zu
zeigen.
Während die gebildeten
Schichten immer mehr zu einer Änderung der bestehenden Verhältnisse drängten,
schufen die durch Mißernten hervorgerufenen Hungerjahre 1846 und 1847 eine
gefährliche Stimmung unter dem neu entstandenen Industrieproletariat. Dazu kam
eine mißliche wirtschaftliche Lage verursacht durch ein Handelsbilanzdefizites.
Die Studenten
Die in den protestantischen
Ländern Deutschlands studierenden evangelischen Theologen aus Siebenbürgen und
Ungarn traten schon bald nach der Gründung der Deutschen Burschenschaft 1815
burschenschaftlichen Verbindungen bei und brachten deren Gedankengut nach
Österreich. In Wien entstanden solche Verbindungen, im Polizeijargon
"Commerce-Gesellschaften" genannt. Auch österreichische Fürsten und
Grafen, die in Deutschland studierten, waren Burschenschafter geworden.
Die erste
burschenschaftliche Verbindung in Wien war durch Siebenbürger Sachsen gegründet
worden. Im Jahre 1820 wurden 55 Mitglieder einer "aufkeimenden
Burschenschaft", die bereits die Devise "Ehre, Freiheit,
Vaterland" gebrauchte, von der Polizei ausgehoben. Darunter befanden sich
der Tiroler Dichter Johann Senn und Aristokraten, Beamtensöhne und
Offiziersanwärter.
Mit dem Kreis dieser
vormärzlichen Burschenschafter hatte der Freundeskreis um Franz Schubert, sowie
dieser selbst engen Kontakt. Als der Vormärzburschenschafter Senn 1820
verhaftet wurde, ließ der bei ihm befindliche Franz Schubert
"Beschimpfungen und Verbalinjurien" gegen die Polizei los, wie der
k.k. Polizei-Obercommissär Ferstl bitter in seinem Protokoll vermerkte.
Von Salzburger Studenten
wurde 1843 in Wien der "literarische" Studentenverein
"Iduna" gegründet und im Jahre 1844 die durchaus politische
Burschenschaft "Arminia". 1845 folgte die "Helikia", 1846
die Burschenschaft "Liberalia". Bis zum März hatten sich die
burschenschaftlichen Vereinigungen auf insgesamt 9 vermehrt.
Die Mitglieder dieser
Verbindungen hatten "sich vorzubereiten für den bevorstehenden Kampf um
die Einheit Deutschlands". Als immer mehr Studierende den Verbindungen
beitraten, bekam die Polizei Wind davon und versuchte, eine solche Verbindung
in einem Kaffeehaus auszuheben. Indes wurden die Häscher zu Boden geschlagen
und die Studenten entkamen.
In enger Verbindung mit den
burschenschaftlichen Kreisen standen die Hörer des Höheren Polytechnikums. Diese
für die deutsche Freiheit entflammten jungen Menschen nahmen so gut wie
ausnahmslos an den Sturmtagen des März als Kämpfer teil und traten geschlossen
in die Akademische Legion ein, die sich alsbald mit den deutschen Farben
Schwarz-Rot-Gold schmückte.
(Heinrich Reschauer:
"Das Jahr 1848 - Geschichte der Wiener Revolution", Bd. I, Wien 1872,
S.68f; sowie: Franz Gall: "Alma Mater Rudolphina", Wien 1965,
S.173ff; sowie: Hans Berner: "Schwarzrotgoldene Schubertiade",
München 1959)
Kossuth - der Vorbote
des Sturms
Die französische
Februarrevolution von 1848 wirkte wie ein erster belebender Hauch in der Stille
vor dem Sturm. Die Nachricht wurde im Leseverein ebenso wie im Gewerbeverein
auf das lebhafteste diskutiert. Erste Flugschriften tauchten auf, die
verkündeten, daß nun auch in Österreich sich so manches ändern müsse.
Am 29. Februar erregte ein
am Kärntner Tor angeklebtes Plakat enormes Aufsehen, auf welchem geschrieben
stand: "In einem Monate wird Fürst Metternich gestürzt sein. Es lebe das
konstitutionelle Österreich!"
Dann setzte Ludwig Kossuth
ein Fanal. Am 3. März 1848 hielt der Führer der Opposition vor dem ungarischen
Reichstag in Preßburg eine Rede, die wie ein Fanfarenstoß dem alten Regime den
Untergang verkündete. Kossuth sagte: "Auf uns ruht der schwere Fluch eines
erstickenden Qualms. Aus der Beinkammer des Wiener Systems weht eine verpestete
Luft uns an, die unsere Nerven lähmt, unseren Geistesflug bannt." Kossuth
forderte unverblümt die Einführung konstitutioneller Einrichtungen.
In Wien wurde seine Rede
durch eingeschmuggelte ungarndeutsche Zeitungen bekannt und machte riesigen
Eindruck. In den Gaststätten und Kaffeehäusern wurde die Rede auszugsweise
verlesen, erregte Debatten schlossen sich an, die Lokale verwandelten sich in
politische Klubs.
Am 4. März 1848 tauchte ein
revolutionäres Manifest auf, in welchem aufgefordert wurde, sich "in den
großen Bund der freien deutschen Männer" einzureihen und: "Es gilt
einen Kampf auf Tod und Leben! Seid stark, mutig und einig!"
Nun wurden die Regierung
und der kaiserliche Hof mit Memoranden und Petitionen eingedeckt, in denen
Bürgerrechte, Aufhebung der Zensur und Volksbewaffnung verlangt wurde.
Die Burschenschaft löst die
Revolution aus

|
Der Sprecher der
Untergrundburschenschaft Arminia, der Medizinstudent Fritsch, in der Uniform
der revolutionären Wiener akademischen Legion mit dem schwarz-rot-goldenen
Band, den Farben der Burschenschaft, um die Brust |
Den letzten und eigentlichen Anlaß zur Auslösung der Märzrevolution gab die
Studentenpetition, die von Angehörigen der Vormärzburschenschaft Arminia und
der Burschenschaft Liberalia ausgearbeitet wurde. Man traf sich in der Wohnung
des Arminen-Sprechers Fritsch in der Mariannengasse 19, die dieser mit seinen
Bundesbrüdern Spängler und Portenschlag teilte. Zugegen waren noch zwei weitere
Arminen sowie der Schriftsteller Loeser. Man besprach einen ersten Entwurf. Am
anderen Tag, dem 8. März 1848, traf man sich wieder in größerer Runde zur
Beratung, zu der Loeser fünf ihm bekannte Juristen mitnahm, weil auch
verfassungsrechtliche Fragen zur Debatte stehen sollten.
Heinrich Reschauer
berichtet in seinem Buch "Das Jahr 1848 - Geschichte der Wiener
Revolution" darüber: "Als Loeser mit seinen fünf Juristen bei Fritsch
eintrat, bot sich ihnen ein seltsames Bild dar. Mehr als 50 Portraits deutscher
Studenten, die Fritsch von seinen Universitätsbesuchen heimgebracht hatte und
eine Menge Schläger, Säbel, Mützen, Burschenpfeifen u.s.w. hingen an den Wänden
der originell eingerichteten Wohnung und ungefähr 40 junge Männer aus allen
Teilen Österreichs waren in derselben bereits vereinigt, in der Absicht, die
Entfesselung, das Emporkommen des Vaterlandes herbeizuführen. Es war dies,
bemerkt Loeser, dessen Mitteilungen wir fast wortgetreu wiedergeben, ein
übersehener Rest jener Burschenschaft, die man seit so vielen Jahren so emsig
verfolgte und samt der Wurzel ausgerottet glaubte. Wohl hatte man die
Zeitumstände für sich, doch wagte noch keiner, auch der Kühnste nicht, zu
hoffen, was man so bald errang: den Sturz Metternichs, Volksbewaffnung,
Preßfreiheit, Konstitution!"
Die burschenschaftlichen
Verschwörer schickten einige Mitglieder der Arminia und Liberalia in die
umgebenden Gassen, damit vor einem polizeilichen Überfall gewarnt werden
konnte, dann schritt man unter dem Vorsitz des Arminensprechers Fritsch zur
Beratung. Die schriftlich niedergelegten Forderungen lauteten:
Preß- und Redefreiheit,
Lehr- und Lernfreiheit, Gleichstellung der verschiedenen Glaubensgenossen in
staatsbürgerlichen Rechten, Öffentlichkeit und Mündlichkeit des
Gerichtsverfahrens, Allgemeine Volksvertretung und Vertretung der deutschen
Landesteile bei dem deutschen Bund.
Von der Petition wurden
sofort eine Menge Abschriften angefertigt und unter der Studentenschaft
verbreitet, da man über die Resolution am 12. März in der Aula der Universität
abstimmen lassen wollte. Am 11. März traf man sich wieder in der Wohnung des
Arminen-Sprechers Fritsch zur Endredaktion des Textes. Man war sich bewußt, daß
es um das Ganze ging und rechnete mit der Verhaftung, sobald die Petition dem
kaiserlichen Hof überreicht sein würde. Loeser sagte zu den Mitverschworenen:
"Freunde! Bedenkt
unsere Ehre angesichts von Deutschland ... Ehe wir eine knechtische Adresse
beschließen, lieber keine. Alle die fürchten, fürchten sich nur, weil sie die
Zeit verkennen. Sie sehen noch die Glorie des Polizeisystems im vollen Glanze.
Dieses System muß aber fallen, und bringt man selbst uns noch auf die Festung,
in kurzer Zeit sind wir befreit. Wagen wir alles! ... Lassen wir es darauf
ankommen! Finden wir keine Unterstützung, so falle das Ganze!"
(Heinrich Reschauer:
a.a.O., S. 146 ff)
Die Regierung hatte
Kenntnis von revolutionären Umtrieben erhalten und das Militär mit scharfen
Patronen versehen lassen. Truppen wurden in die Innenstadt und in die Hofburg
gelegt. Am 12. März predigte der katholische Priester und Professor Dr. Anton
Füster in der Universitätskirche und sprach von den Pflichten, die der Einzelne
seinem Nächsten, seinem Volk und Vaterland gegenüber zu erfüllen habe. "Für
das Vaterland darf euch kein Opfer zu groß sein."
Nach der Predigt
versammelten sich die Studenten im überfüllten großen Saal der Universität. Die
Stimmung war auf den Siedepunkt gestiegen, man fürchtete einen Überfall des
Militärs.
Der Jusstudent und Armine
Heinrich Fessel bahnte sich seinen Weg und erklomm das Katheder. Mit weithin
vernehmbarer, doch vor Befangenheit zitternder Stimme teilte er mit, daß er von
zahlreichen Studenten den Auftrag erhalten habe, der Hörerschaft der Universität
und des Polytechnikums eine Petition an den Kaiser zur Unterschrift vorzulegen.
"Das Vaterland", rief der junge Redner, "ist in Gefahr und in
der studierenden Jugend Wiens müßte jeder Funke von Ehrgefühl und
Vaterlandsliebe erloschen sein, wenn sie es unterlassen könnte, in einem
solchen, für die Zukunft entscheidenden Momente, ihren Gesinnungen und
Empfindungen Ausdruck zu verschaffen."
Stürmischer Beifall folgte
und Fessel verlas nun die Petition, deren einzelne Sätze mit Jubel aufgenommen
wurden. "Wir unterschreiben sie!" ..."Einen Tisch her!" ...
"Ein Feigling, wer ihr seine Unterschrift versagt!"
Die Professoren Endlicher
und Hye übernahmen es, die Petition an den Kaiser zu überbringen. (Heinrich
Reschauer: a.a.O., S. 160)
Die Kunde von den Vorgängen
an der Universität durchflog die Stadt und alles wartete mit Spannung auf die
weiteren Ereignisse.
In der Hofburg herrschte
ebenfalls Spannung und Aufregung. Der stockreaktionäre Erzherzog Ludwig sprach
sich dafür aus, umgehend den Belagerungszustand über Wien und das Standrecht
über die Verfasser "hochverräterischer Adressen und Petitionen" zu
verhängen und hatte auch schon eine vorbereitete Liste mit den Namen
zahlreicher Bürger und Studenten bei sich, denen der Prozeß zu machen wäre. In
dieser Situation kamen die Professoren Hye und Endlicher mit der
Studentenpetition in die Hofburg. Der Kaiser nahm die Petition entgegen und
bemerkte: "Ich werde die Angelegenheit in Erwägung ziehen." Mit einer
Handbewegung waren die beiden Professoren entlassen.
Am 13. März war die
Universität von Unruhe erfüllt. Im Statistikhörsaal hatte ein Unbekannter eine
revolutionäre Proklamation angeschlagen, in welcher Metternich und Sedlnitzky
des Hochverrates an Fürst und Vaterland beschuldigt wurden. "Auf Brüder!
Nieder mit ihnen, wer es redlich meint mit Österreich!"
In einem anderen Hörsaal
stand mit großen Worten das Wort Konstitution geschrieben. Die Studenten
drängten in die Aula, um von Professor Hye Bericht über die Audienz bei dem
Kaiser zu erhalten. Die revolutionäre Stimmung lag in der Luft. Der Physiker
Professor Kunzek versuchte vergeblich, die Studenten zurückzuhalten. Reschauer
übermittelt uns den Bericht des katholischen Priesters, Freiheitsfreundes und
späteren Kaplans der Akademischen Legion, Professor Dr. Anton Füster: "Er
(Professor Kunzek) war durch viele Jahre Professor in Lemberg gewesen, hatte
das traurige Schicksal der polnischen Studenten, welche sich an der Revolution
beteiligt hatten, gesehen; er sah seine eigenen geliebten Schüler, wie man sie
in Ketten in den Kerker schleppte. Er konnte sich nicht denken, daß bei der
Allmacht der Regierung eine Revolution gelingen würde, das traurige Schicksal
der Studenten trat ihm nach dem Bilde, das er in Lemberg gesehen, vor die Augen
und er war so erschüttert, daß er bitter weinte. Die Jugend hatte Respekt vor
dem alten menschenfreundlichen Manne, sie hörte ruhig seine Beschreibung des
Schicksals der polnischen Studenten an, ließen sich aber nicht abmahnen von
ihren Vorsätzen."
An das Abhalten von
Vorlesungen war nicht zu denken. Gegen 9 Uhr erschien Professor Hye und teilte
einer brodelnden Aula die Antwort des Kaisers mit, wonach dieser die
Forderungen der Studenten erwägen wolle. "In wenigen Tagen werden Sie die
kaiserliche Antwort bekommen!", beteuerte Hye. "Wir warten keine
Stunde länger!", scholl es ihm entgegen. "Unsere Wünsche sind die
Wünsche des Volkes, diese aber müssen rasch erfüllt werden!"
"Nun ist es an den
Ständen, zu handeln, ihnen werden wir die Volkswünsche persönlich ans Herz
legen!"
Der Professor Hye bat die
Studenten mit aufgehobenen Händen, nicht zum Landhaus zu ziehen. Ihm scholl
jedoch der Ruf entgegen: "Landhaus! Ins Landhaus!"
Hye rief mit bebender
Stimme: "Mäßigung! Mäßigung, überlegen Sie, was Sie beginnen wollen! Noch
stehen Sie auf dem Boden des Gesetzes, Sie verlassen die Schwelle dieses Hauses
und Sie betreten den Boden der Revolution!" "Es gibt nichts mehr zu
überlegen! Man zwingt das Volk zur Revolution!", antworteten die
Studenten. Die gesamte Aula brach auf, um zum Landhaus zu eilen, wo die
Ständevertreter tagten. Der zurückbleibende Hye brach vor Aufregung und
Gemütsbewegung auf einer Sitzbank auf dem Gange zusammen, während vom
Universitätsplatz der zum Losungswort der gesamten Studentenschaft gewordene
mächtige Ruf "Landhaus! Landhaus!" zu ihm herauf brandete. Die
Revolution hatte begonnen.
Der Aufruhr
Auf dem Universitätsplatz
erhielten die Studenten gewaltigen Zuzug von Kollegen aus allen Nebengebäuden
der Universität und aus den Seitenstraßen. Bald bewegte sich ein gewaltiger
Zug, dem sich nun zahlreiche Bürger anschlossen, in Richtung Landhaus. Im Hof
des Landhauses war die führerlose Menge unschlüssig, was nun weiter zu
geschehen habe. Der jüdische Sekundararzt des Allgemeinen Krankenhauses, Dr.
Fischhof , befand sich unter den Menschen, weil er gehört hatte, die Studenten
würden ihrer Unzufriedenheit mit dem System Ausdruck verleihen. Fischhof
erzählte später: "Ich dachte bei mir, daß ein Moment, so günstig für das
Volk, wie in Österreich kein zweiter noch erschienen war, nicht ungenützt
verstreichen dürfe. Ich fand es erbärmlich, daß in dieser ganzen großen Menge
nicht ein Mann den Mut und die Kraft habe, ein zündendes Wort in dieselbe zu
schleudern, der hohen geschichtlichen Bedeutung des Momentes enthusiastischen
Ausdruck zu geben und diese neugierige Masse zu einer großen Kundgebung
hinzureißen. Bist du nicht selbst ein solcher Erbärmlicher? , sagte ich zu mir.
Tief beschämt faßte ich allsogleich den Entschluß, zu reden ..." (Heinrich
Reschauer: a.a.O., S. 182)
Fischhof verschaffte sich
Gehör, wurde auf die Schultern von Studenten gehoben und ließ mit lauter Stimme
das erste freie Wort in Österreich ertönen. Er forderte die Menge auf, die oben
im Landhaus versammelten Landstände durch kräftigen Zuruf und kräftiges Zutun
zum Handeln gegenüber der Regierung zu veranlassen. "Wir haben heute eine
ernste Mission zu erfüllen. Es gilt, ein Herz zu fassen, entschlossen zu sein
und mutig auszuharren. Wer an diesem Tag keinen Mut hat, gehört in die
Kinderstube!" Fischhof rief der Menge die Forderungen der Studenten zu:
"Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Lehr- und Lernfreiheit,
verantwortliche Minister, Volksvertretung, Volksbewaffnung, Anschluß an
Deutschland!"
Fischhofs Worte, deren
jedes mit Jubel begrüßt wurde, hinterließen einen ungeheuren Eindruck.
Hier wurde aus dem
Volksauflauf die Revolution. Der tausendstimmige Ruf erscholl: "Wer ist
der Name des Redners?"
Fischhof rief: "Das
Damoklesschwert der Polizei schwebt über meinem Haupte, aber ich sage wie
Hutten: Ich hab’s gewagt, ich bin Dr. Fischhof."
Dann begab sich Dr.
Fischhof in den Ständesaal, wo die verängstigten Ständemitglieder ratlos
harrten. Fischhof erklärte, das Volk sei willens, die Stände in dem Kampf um
die Rechte des Volks zu unterstützen und nun seien die Stände zum Handeln
aufgefordert. Die Menschenmenge im Landhaushof unterstützte diese Forderung
lauthals. Graf Colloredo versuchte die Menge im Hof von einem Balkon herab zu
beruhigen. Er konnte aber nicht zu Ende sprechen. Es waren auch schon Studenten
in den Landtag eingedrungen. Ein Augenzeuge berichtet: "Interessant war
es, zu sehen, wie unmittelbar neben dem Grafen während seines Vortrages ein
Student sich hinstellte, mit Samtrock und deutscher Burschenkappe, der ganz
ruhig dem Treiben im Hofe unten zusah."
(Heinrich Reschauer:
a.a.O., S. 210)
Im Hof hatten nun
studentische Redner das Wort an sich gerissen. Man forderte lauthals den Sturz
der Regierung, den Sturz Metternichs. Eine Studentendelegation begab sich ins
Landhaus und gründete einen Revolutionsausschuß unter dem Vorsitz des Juristen
Stöber und des Mediziners Schlesinger, der umgehend von dem Magistrat die
Mobilisierung der Bürgergarde verlangte. Dies wurde verweigert. Dann sandte der
Ausschuß seine Sendboten in alle Teile der Stadt, damit diese dort als Redner
auftraten und die Bevölkerung mobilisierten. Bald waren Hunderte von Arbeitern
aus den Vorstädten zu den Studenten und Bürgern gestoßen.
Die Blutzeugen
Nun rückte von der Freyung
her Militär gegen das Landhaus und gegen die in der Herrengasse versammelte
Menschenmenge vor. Ein Salve krachte, dann gingen die Soldaten mit dem Bajonett
vor. 5 Tote blieben auf dem Platz, darunter der junge jüdische Student Spitzer,
den die erste der tödlichen Kugeln getroffen hatte. Die Nachricht von dem
vergossenen Bürgerblut verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt. In
allen Straßen brachen nun die Kämpfe los, das Volk ging mit Steinen, Latten,
Stöcken und Äxten gegen die Soldaten vor. In der ganzen Stadt gab es Blutopfer,
als die Dragoner mit blanker Klinge gegen das Volk vorgingen. Nun erscholl in
ganz Wien der Ruf nach Waffen: "Zum Zeughaus!"
Das Militär ließ Kanonen
auffahren. Zu einem Helden der Revolution gurde der Oberfeuerwerker Pollet, der
sich weigerte, auf Befehl des Erzherzog Maximilian seine Kanonen gegen die
Bürger abzufeuern und der sogar von das Geschützrohr trat, als der Erzherzog
versuchte, die anderen Kanoniere zum Abfeuern der Kanonen zu bewegen. Diese
Batterie schoß nicht auf das Volk.
An der Universität stellten
die vier Fakultäten der Mediziner, Juristen, Techniker und Philosophen bereits
eine militärische Organisation auf, die in 4 Abteilungen und Rotten zu je 10
Mann eingeteilt wurde.
Der
Sieg
Am Abend des 13. März wurden der
Rücktritt und die Flucht Metternichs bekannt und ein ungeheurer Jubel erfüllte
die Universität. Man schöpfte Zuversicht. Der Ruf, das Zeughaus zu stürmen,
wurde in der Aula immer lauter. Um halbneun Uhr abends zogen die Studenten zu
dem von Bürgermilitär bewachten Zeughause. Das Bürgermilitär verbrüderte sich
mit den Studenten und diese drangen ein und bewaffneten sich. Bei rauchenden
Fackeln auf dem Judenplatze schrieben sich die Bewaffneten in die Listen der
Akademischen Legion ein.
Die Stadt war nun festlich
erleuchtet, ganz Wien im Freudentaumel über den Sturz Metternichs. Das Militär
hielt sich ruhig.
Am 14. März war die Macht
in Wien bereits weitgehend in die Hände der Aufständischen übergegangen, der
Akademischen Legion und einer neu aufgestellten Nationalgarde, die auch
Ausschreitungen und Plünderungen durch die hungernden Arbeiter zu verhüten
half.
Die Studenten zogen zur
kaiserlichen Burg, tausende mittlerweile bewaffnete Nationalgardisten folgten. "Preßfreiheit!
Konstitution!" tönte tausendfach der Ruf zu den Fenstern der belagerten
Hofburg empor. Am Abend des 14. März kapitulierte die Regierung teilweise: Die
Pressefreiheit war bewilligt. Am 15. März versprach der Kaiser, eine
freiheitliche Verfassung in Österreich einzuführen.
Am 16. März bot Wien ein
friedliches Bild. An diesem Tag wurde auch der Zensur- und Polizeichef Graf
Sedlnitzky entlassen. Wien schwamm im Freudenrausche. Der Kaiser fuhr in einer
offenen Kutsche aus und die Wiener feierten den Sieg mit einer Parade der Nationalgarde
und der Akademischen Legion, die wiederum dem Kaiser ein "Vivat!"
brachten.
Am 20. März erfolgte die
kaiserliche Begnadigung aller politischen Gefangenen.
Die Akademische
Legion
Die aus der Revolte
entstandene Akademische Legion emfaßte nun schon wesentlich mehr Studenten als
nur die Vormärzburschenschafter und deren engeren Freundeskreis. Die Legion
cchwoll an auf etwa 5 000 Mann in 4 Corps und 32 Kompanien. Zu den Corps der
Juristen, Mediziner, Philosophen und Techniker war auch die Akademie der
bildenden Künste dazu gekommen. Die Legionäre trugen den "deutschen
Hut" mit schwarzer Feder und deutscher Kokarde, über dem blauen Waffenrock
trugen sie die deutschen Farben. Ihr Hauptquartier hatten sie in der Aula der
Universität, die zu einer Kaserne umgestaltet worden war. In der Aula hingen
ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen, aber auch die Farben der nichtdeutschen
Nationalitäten des Habsburgerreiches, die ihnen als Zeichen der Verbundenheit
von Deputationen überbracht worden waren.
Der Zeitzeuge als Chronist
berichtete über die Legion: "Nicht zufrieden, die Freiheit für Österreich
errungen zu haben, setzte jetzt die Akademische Legion ihren Stolz darein,
dieselbe auch unversehrt zu erhalten: Immer auf dem ‘Habt Acht!’ stehend, in
stetem Geplänkel mit den Freiheitsfeinden, als unermüdliche Vorhut der k.k.
Oppositionsarmee.
Die Akademische Legion war
es auch, welche zuerst Wiens deutsches Bewußtsein aus seinem Schlummer bis zur
Begeisterung entflammte. Sie war die Leibgarde der deutschen Sache; für diese
hatte sie die schmucksten Farben-Herolde, die mutigsten Kämpfer, die
begeistertsten Sänger. Von ihrem Lager aus brauste: ‘Was ist des Deutschen
Vaterland?’ durch ganz Wien und Österreichs Gaue. Auf die Frage des Liedes
kannte sie nur eine Antwort: ‘das ganze Deutschland soll es sein." (Moritz
Smets: "Das Jahr 1848 - Geschichte der Wiener Revolution", Bd. 2, S.
24f)
In diesem Geist wurde auch
in Wien zur Schaffung einer gesamtdeutschen Nationalversammlung gerüstet.